Die Nummer 112 ist heute selbstverständlich. Eine einheitliche Notrufnummer, kostenlos, rund um die Uhr erreichbar – europaweit. Wer Hilfe braucht, wählt sie, oft ohne groß nachzudenken. Doch bis es diese Nummer gab, hat es erstaunlich lange gedauert. Obwohl das Telefon bereits 1876 erfunden wurde, fehlte über viele Jahrzehnte eine zentrale Notruflösung. Erst ein tragischer Vorfall im Jahr 1969 brachte Bewegung in das Thema: Ein Kind verlor sein Leben, weil der Rettungswagen nicht rechtzeitig eintraf – auch deshalb, weil es damals zahlreiche unterschiedliche Telefonnummern gab und dadurch wertvolle Zeit verloren ging. Die Eltern des Kindes kämpften anschließend unermüdlich dafür, dass so etwas nicht noch einmal passieren konnte. Dieser Einsatz zeigte Wirkung: 1973 beschloss die Bundesregierung die bundesweite Einführung der Notrufnummer 112. Seitdem ist sie eine Lebensader – in Deutschland und Europa.
Dass die 112 funktioniert, ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Hinter der Nummer stehen Menschen, die man selten sieht, die aber jeden Tag dafür sorgen, dass Hilfe schnell und gezielt dort ankommt, wo sie gebraucht wird: die Disponentinnen und Disponenten in den Integrierten Leitstellen.

Einer von ihnen ist Florian. Der 34-jährige Familienvater arbeitet in der Integrierten Leitstelle Erding und ist mit Leib und Seele Disponent. Sein Tag beginnt früh. Um 04:45 Uhr klingelt der Wecker. „Am Morgen zur Tagschicht herrscht vor Arbeitsbeginn straffes Programm – man will ja pünktlich und ausgeschlafen kommen“, sagt er und schmunzelt. Nach einer kurzen Autofahrt von Taufkirchen an der Vils nach Erding ist er bereit für die nächste Schicht. Pünktlich um 05:45 Uhr wird eingestempelt. Die Leitstelle Erding ist – wie die übrigen Leitstellen in Bayern – 24 Stunden am Tag besetzt. Die Nachtschicht wartet bereits auf Ablösung. Bevor es an die Arbeitsplätze geht, trifft sich die Tagschicht kurz in der Küche. Gemeinsam mit der Schichtleitung werden die wichtigsten Punkte besprochen: Wer übernimmt heute welchen Funktionstisch, gibt es besondere Lagen oder Hinweise, welche Einsätze laufen bereits, was ist geplant oder terminiert?
Anschließend geht es in den Funkraum. Dort findet an jedem Platz eine Übergabe statt. Welche Einsätze laufen aktuell? Gibt es Krankentransporte, die zu einem bestimmten Zeitpunkt anstehen? Muss man bei bestimmten Einsatzstellen auf Besonderheiten achten? Erst wenn alle Informationen übergeben sind, beginnt für die diensthabende Mannschaft die 12-stündige Tagschicht – zwölf Stunden Konzentration, Verantwortung und Routine, aber auch Adrenalin und Emotionen. „Wir sind der erste Ansprechpartner für Hilfeersuchende jeder Art“, erklärt Florian. „Wir sind die erste Stimme, die helfen kann – und manchmal auch die ersten Anweisungen, die Leben retten.“ Genau darin liegt die besondere Herausforderung: Am anderen Ende der Leitung sind Menschen oft aufgelöst, verängstigt oder überfordert. Die Aufgabe in der Leitstelle ist es, Ruhe auszustrahlen, den Überblick zu behalten und innerhalb kürzester Zeit die richtigen Entscheidungen zu treffen. Schon kurz nach Dienstbeginn klingelt die Notrufleitung. Das passiert in der Leitstelle Erding im Schnitt etwa 450 Mal am Tag. Florian nimmt ab:
„Hier ist der Notruf für Feuerwehr und Rettungsdienst, mit wem spreche ich?“
Am anderen Ende meldet sich eine Hilfsorganisation. Über ein Hausnotrufgerät wurde ein Sturz in einer Wohnung gemeldet. Die Bewohnerin reagiert nicht, die Tür ist versperrt. Es braucht die Feuerwehr zur Wohnungsöffnung und den Rettungsdienst zur medizinischen Versorgung. Jetzt läuft das Vorgehen, das jede Disponentin und jeder Disponent im Schlaf beherrscht: Wer ruft an? Wo ist der Notfallort? Was ist passiert? Wie viele Betroffene gibt es? Es sind die klassischen „W-Fragen“, die im Alltag der Leitstelle weit mehr sind als Theorie. Während Florian ruhig fragt, tippt er die Informationen parallel in das Einsatzleitsystem. Die Daten müssen stimmen, denn jede Sekunde zählt – und jede falsche Information kann die Lage erschweren. Nur wenige Augenblicke nach dem Auflegen wird der Einsatz intern weiterverarbeitet. In der Leitstelle gibt es unterschiedliche Funktionstische: Der Rettungsdiensttisch erhält die Anforderung für den Rettungswagen, der Feuerwehrtisch die Anforderung für die Feuerwehr. Beide Einsätze werden disponiert und alarmiert. Wenige Minuten später sind Rettungsdienst und Feuerwehr mit Sonderrechten unterwegs. „Das Hilfeleistungssystem ist wie ein großes Puzzle“, sagt Florian. „Nur wenn alle Teile ineinandergreifen, entsteht am Ende ein Bild – und es funktioniert so, wie es funktionieren muss.“

Doch der Alltag in der Leitstelle besteht nicht nur aus Notrufen. Florian ist an diesem Tag neben der Notrufannahme auch für die Alarmierung und Einsatzbegleitung der Feuerwehr zuständig sowie für den Bettenkanal. Dabei geht es um die Patientenverteilung und darum, dass Patientinnen und Patienten in das nächstgelegene geeignete Krankenhaus transportiert werden können. Das klingt einfach, ist in der Realität aber anspruchsvoll: Kapazitäten ändern sich, Fachabteilungen sind unterschiedlich ausgelastet, und je nach Krankheitsbild sind bestimmte Kliniken erforderlich.
So geht es im Laufe des Tages Schlag auf Schlag. Sprechwünsche von Rettungsmitteln, telefonische Rückfragen, Krankenhausanmeldungen – etwa bei Schlaganfall oder Herzinfarkt – und die ständige Koordination zwischen Einsatzkräften, Kliniken und weiteren Stellen bestimmen den Takt. Ruhige Minuten sind selten. „Aber genau das mag ich“, sagt Florian. Die Dynamik kennt er auch aus dem Ehrenamt: Er ist im Rettungsdienst tätig und engagiert sich als Gruppenführer bei der Freiwilligen Feuerwehr in seiner Heimatgemeinde. Diese Erfahrung hilft ihm auch in der Leitstelle. „Wenn man selbst draußen im Einsatz war, versteht man besser, was die Kolleginnen und Kollegen brauchen – und warum. Das fördert das gegenseitige Verständnis enorm und zeigt auch den Blickwinkel der jeweils anderen Seite.“
Neben den ernsten Notrufen gibt es allerdings auch Anrufe, die aus dem Rahmen fallen. So ging auch an diesem Tag ein Anruf ein, der die Schicht kurz staunen ließ: Ein Anrufer aus Österreich wählte die 112 – nicht wegen eines Unfalls oder eines medizinischen Notfalls, sondern um sich über den schlechten Zustand der Autobahn zu beschweren. „Auch solche Anrufe haben wir“, sagt die Schichtleiterin Franziska Kreitenweis. „Für viele ist die 112 ein allgemeiner Anlaufpunkt – von kaputten Straßen bis hin zu defektem WLAN. Unsere Aufgabe ist dann, ruhig zu bleiben, einzuordnen und die Menschen an die richtige Stelle zu verweisen.“ Am Ende zeigt genau das, wie breit das Spektrum der Leitstellenarbeit ist. Es geht um dramatische Momente, in denen Sekunden entscheiden – aber auch um Kommunikation, Orientierung und Professionalität in Situationen, die für Anrufende oft der Ausnahmezustand sind.
Wenn um 18:00 Uhr die Tagschicht endet, übernimmt die nächste Mannschaft. Für Florian, Franzi und das Team ist der Dienst vorbei – für die Leitstelle nicht. Die Integrierte Leitstelle Erding bleibt, wie immer, durchgehend besetzt und sorgt gemeinsam mit Feuerwehr, Rettungsdienst, THW und allen weiteren Kräften dafür, dass Menschen in den Landkreisen Ebersberg, Freising und Erding jederzeit Hilfe bekommen.
Und genau das ist es, was der Tag des Notrufs am 11. Februar in Erinnerung ruft: Die 112 ist mehr als eine Nummer. Sie ist eine Verbindung zwischen Menschen in Not und einem System, das funktioniert – weil im Hintergrund Menschen arbeiten, die mit Herz, Disziplin und großer Fachkompetenz jeden Tag dafür sorgen, dass Hilfe ankommt.

